Textfetzen, Augenblicksprosa, Momentpoesie aus dem Labor des Wortkiosk, Biel/Bienne
Der Straßenkehrer

Er sitzt auf einer Bank, sein Besen lehnt daneben. Die Borsten des Besens sind geformt wie Reisig, aber sie sind aus Plastik und knallgrün.
»Wissen Sie, wo die Sonne ist?«, frage ich den Mann.
»Ja«, sagt er ohne Zögern. «In Afrika. Dort gibt es keine Wolken, denn die Wolken sind alle hier. Die Sonne aber ist in Afrika.«

10/05/2013, Paris

Über das Nützlichsein

»Und Unfertige sind fertiger als Fertige, und Unbrauchbare oft viel brauchbarer als Brauchbare, und im übrigen braucht nicht jedes und alles sogleich oder in allerkürzester Frist zum Gebrauch vorhanden zu sein. Es lebe nur fröhlich weiter auch in unseren Zeiten ein gewisser menschlicher Luxus, und eine Gesellschaft fällt dem Teufel in die Hand, die jede Gemütlichkeit und Gehenlassigkeit ausmerzen will.«

Robert Walser: Der Räuber, S. 69/70.

02/05/2013

Die Zeit (3)

Die Zeit verfliegt still wie ein Schmetterling.

27/04/2013

Nichts Neues

Der Frühling blüht in aller Munde –
aber eben nur dort.

09/04/2013

Auf dem Friedhof

»Einige Gräber sahen aus wie große Maulwurfshaufen, andere wieder waren kleine Beete, so wie Kinder sie manchmal anlegen, wenn sie Gärtner spielen. Hier und dort verdorrten Kränze, und ihre Schleifen glichen verwaschenen Fahnen, die durch viele Schlachten geflattert sind. […] Still war es, unwahrscheinlich still. Nur manchmal war es, als hämmere im Grase ein Zwerg auf Silber und Glas – aber es war nur eine Grille oder ein Heugumper …«

Friedrich Glauser: Die Speiche, Zürich, S. 93.

12/03/2013

Les Misérables (3)

Ein Zeichen, vier Buchstaben.

07/03/2013, hinter dem Migros Madretsch

Sprachlos und fad

Dieser Winter hört nicht auf.
Dieses frostige Schweigen.
Diese schaudervolle Zeit.
Es reicht schon lange.
Sprich doch, Frühling!

27/02/2013

Große Entdeckungen

»Seit ich Dickens las, zittere, bebe, schlottere und schwanke ich. Darum, dass ich Dickens zu lesen wagte, bin ich ökonomisch sowohl wie moralisch gebrochen und habe das eigentümliche Vergnügen, empfinden zu dürfen, daß ich zu nichts tauge, was mich natürlich, weil es ungemein fatal ist, wenig oder besser gar nicht freut. Körbe flechten scheint von heute oder von morgen ab meine hauptsächlichste Beschäftigung sein zu müssen, falls ich nicht etwa wesentlich zu ungeschickt für diese Art von Arbeit bin oder falls ich nicht vielleicht vorziehen würde, in das Land der gescheiterten europäischen Existenzen auszuwandern, womit Amerika gemeint ist. Dickens, der ein Gott ist, hat mich mit Fußtritten unter den Tisch gejagt: ›Kusch dich! Halt dich hübsch still!‹ und vom bisherigen angenehmen Plätzchen habe ich mich wegdrücken müssen. […] Wer noch nicht Dickens gelesen hat, den kann ich beglückwünschen, denn es stehen ihm unerhörte Genüsse bevor. Die, die Dickens lesen, lernen in Wahrheit eine der schönsten Freuden kennen.«

Robert Walser: »Dickens«, in Der Spaziergang, S. 186ff.

28/01/2013

Himmel, gib uns eine andere Farbe

Wir finden unsere Hirnzellen nicht mehr. Wir haben unsere Individualität verloren. Wir sind eine gefährdete Art, wenn dieses Grau, Grau, Grau nicht endet.

24/01/2013

Mitgeschöpf (5)

Lange habe ich auf dich gewartet. Auf deinen schiefgelegten Kopf. Auf deinen scheuen Blick. Auf deine unbegreiflich kurze Botschaft. Auf – bald, Amsel.

24/01/2013

Appell an alle

»Rund um Sie duftet die Erde, Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge genießen nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und fluchen Sie keinem Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie lieber, zu lieben, wo ein anderer, weniger Besonnener und Starker, hassen würde. Glauben Sie mir dieses Wort: Der Haß zerstört den Geist im Menschen auf eine vernichtende Weise. Lieben Sie nur gleich alles. Es schadet nichts, zu verschwenden.«

Robert Walser: »Brief eines Mannes an einen Mann«, in Aufsätze, S. 12.

18/01/2013

13

Warum ist das so, dass jeder zweite meiner Sätze mit «Aber» beginnt?
Aber das ist doch gar nicht so.

16/01/2013

Zettel 2012

Zettel 2011

Zettel 2010

Zettel 2009

Zettel 2008

Zettel 2007

Zum Seitenanfang