Jetzt ist jetzt
»Wer bereit ist zu gehen, dem ist ein langes Leben beschieden.«
Marina Abramović, in
DIE ZEIT, 20.03.2010
07/12/2012
Draussen Alaska
Drinnen Sibirien
03/12/2012
Einsilbigkeit (2)
Auf dem Berg steht ein Mann und schaut ins Tal, das vor ihm liegt, im Dunst.
Er sieht ein Dorf, es ist klein, doch es ist sein Dorf. Der Ort, den er kennt.
Dort steht sein Haus. Dort kam er zur Welt. Dort ist für ihn die Welt.
Die Welt ist schön.
»Komm«, sagt er zum Hund und geht los. Der Hund, der still bei ihm saß,
bellt kurz auf, es klingt fast wie »Ja«. Der Mann tut
Schritt um Schritt, der Hund läuft vor ihm. Der Weg ist zu schmal für zwei,
es ist nur ein Pfad, der steil am Berg hängt und ins Tal führt, ins Dorf, zum Haus.
In der Tür steht die Frau. »Da seid ihr ja«, sagt sie. »Ich sah euch, auf dem Berg und auch
auf dem Weg. Nun kommt schon rein, es ist doch kalt.« Sie geht ins Haus, der Mann folgt ihr,
und der Hund folgt dem Mann auf den Fuß. Im Haus ist es schön warm,
es brennt Holz, und die Glut glüht.
Bald wird es Nacht. Der Mond scheint auf das Dorf, schwarz und grau
steht der Berg jetzt da. Im Haus schläft der Hund und träumt vom Wald. Er riecht Moos
und Harz, dann ein Tier, da die Spur – schon ist sie weg. Der Mann küsst die Frau,
und die Frau küsst den Mann, zart und fein und still sind sie, still wie das Glück, die
Nacht, der Berg. Nur die Zeit steht nie still, sie kommt, kommt, kommt und geht, kommt und geht, geht, geht,
jetzt, und jetzt, und jetzt, und jetzt –
01/12/2012
Einsilbigkeit (1)
Ein
Ja Nein
Der die das
Eins zwei drei vier
Wer wie wann wo was
Ich du er sie es wir ihr sie
Mensch Mann Frau Kind Haus
Hof Heu Tier Stier Kuh Stall Schaf
Geiß Ei Huhn Mais Mehl Gras Milch Blut
Hut Kopf Ohr Hals Arm Hand Bauch Bein Fuß
Schuh Stein Berg Wald Wand Nacht Tag
Traum Baum Stamm Fluss See Meer
Schnee Eis Luft Mut Angst Wut
Sex Herz Kuss Mund Zahn
Leib Hirn Tod Gott Wort
Ort Raum Zeit Geist
Mond Welt All
Sein Nichts
Aus
29/11/2012
Wohin des Weges?
Meditiere über dein Selbst.
Ehre dein Selbst.
Verneige dich vor deinem Selbst.
Verstehe dein eigenes Selbst.
Gott wohnt in dir als du.
Swami Muktananda:
Der Weg und sein Ziel, S. 124 (224).
04/11/2012
Eigentlich sozusagen nichts
Gerümpel dümpelt dahin
Ich schaue ihm nach
bis ich mich nicht mehr sehe
27/10/2012
Im Schweizer Zug (3)
Nicht dem See entlang, nicht in Richtung
Hauptstadt und auch nicht nach Zürich oder Basel fuhren wir, sondern geradewegs auf den Berg zu.
Im letzten Moment verhinderte ein kurviger Tunnel die Frontalkollision, dann befanden wir uns
wieder im Freien, und ich schaute ein letztes Mal auf die Stadt hinunter.
Bevor uns die Dunkelheit des nächsten Tunnels verschluckte,
überquerten wir eine verschlungene Schlucht, und schon waren wir über dem Berg,
will heißen hinter der ersten Jurafalte. Neben uns eilten jetzt Wiesen vorüber,
auf denen Kühe kauten, und Katzen lauerten vor Mauslöchern auf Beute.
18/09/2012, aus »Durch den Jura«
Auf der Brücke
Ich sehe die Brücke klar vor mir. Glühwürmchen, Grillen und die Geschichte vom Krokodil.
Es war immer dieselbe Geschichte in leichter Abwandlung. Eines Nachts, als sich Sanjiv auf dem
Nachhauseweg der Brücke näherte, war das Krokodil gerade dem Fluss entstiegen, kletterte
verblüffend flink den kleinen
Hang empor, schob schon die lange Schnauze auf die steinige Straße, kroch über die Brücke
und genau auf Sanjiv zu. Vielleicht war es auch ein anderer als Sanjiv,
ich bin mir nicht mehr sicher. Wie auch immer, der Betreffende erschrak sich entsetzlich. Umso mehr, als er
nicht mehr ganz nüchtern war. Er war sogar ziemlich stark alkoholisiert und noch
dazu bekifft. Am Wirklichkeitsgehalt seiner Geschichte konnte also gezweifelt werden. Aber das Krokodil,
dem er hatte entkommen können, war nun da. In unseren Köpfen.
Während den nächtlichen Stunden mit Sanjiv, Anil und den anderen auf der Brücke, zwischen den
Reisfeldern und so dichter Dunkelheit, dass die Gesichter der Jungs nicht zu erkennen waren,
sah ich vor meinem inneren Auge ein Krokodil
unter uns hin und her schwimmen; still, geduldig, hungrig. Das war umso beunruhigender, als die
Brücke kein Geländer hatte, nur ein schmales Mäuerchen, auf dem man kauerte oder an das man
lehnte und hoffte, nicht hintenüber zu kippen, zum Beispiel vor Lachen. Im Gras unter der
Brücke raschelte es. Irgendwo brüllte ein Büffel.
07/09/2012, aus »Eines Abends«
Sommer (2)
Auf meinem Heimathimmel wuchern Wolken weiß und üppig wie Lawinenstaub vor Blau. Zwei Farbnamen für
einen und denselben Zustand: das Gegenteil von Rot.
Die Sonne nähert sich dem Bergrücken. Solange sie ihn nicht berührt, bleibe ich sitzen, den Kopf im Nacken,
die Augen schmal, das Herz weit oder leer. Meine Ohren sind in die Länge geschmolzen. Alle Geräusche
vereinen sich in einem hohen Ton. Ich lausche ihm nach, bis die Wolken im Osten ankommen. Im Westen kräuseln sie sich wieder.
Wie Lippen. Sie sagen: »Morgen aber.« Ich stülpe meine Ohren inwendig.
Dort sind nicht Worte, dort ist eine Melodie. Sie trägt alles mit sich fort, Perle per Perle,
als wäre es nie geschehen.
Vielleicht bleibe ich sitzen, bis es kühl geworden ist, der Himmel
dunkel und der helle Ton ein Rascheln. Die Fenster öffnen sich nach innen. Auf dem Boden liegt Abendrot.
Es erinnert mich an etwas. Bevor mir einfällt, an was, streift mich die Einsicht, dass ich eine Aufgabe habe.
Dass lose Fäden auf meine Zusammenknüpfung warten. Doch denke ich nicht daran, mich zu beeilen. Ich trödle und
ich zögere es hinaus, meine blauweiße Pflicht in Angriff zu nehmen und zu erfüllen.
Ich versäume mich im Spiel mit Ö-Wörtern. Niemand findet mich an diesem Ort
zwischen noch nicht und nicht wieder,
solange ich mich nicht verrate. Ich finde mich selbst nicht, solange ich mich selbst nicht verrate. Die Sonne
ist etwas, das mich wegdenken will. Ihr vertraue ich. Ihr lege ich mich kopfüber zu Füßen. Mit gesenkten Lidern
und geschlossenem Mund, aber weiten, strahlend schönen Denkwiesen.
31/07/2012, »Wiederinbetriebnahme des Alltags«
Sommer (1)
Wasserspritzen. Feuchtes Gras. Glacé tropft auf heißen Teer. Etwas klebt irgendwo.
Alles klebt überall. Ach, wie gut gibt es erfrischende Worte.
21/06/2012
Achtzehnte Erkenntnis
»Ich habe erkannt, warum der Mensch nicht aus den Hoffnungen lebt – es gibt keinerlei Hoffnungen,
nicht aus dem Willen – was schon für ein Wille, sondern aus dem Instinkt, dem Selbsterhaltungstrieb –
demselben Prinzip, wie auch der Baum, der Stein, das Tier.«
Warlam Schalamow:
Erzählungen aus Kolyma 1, Matthes & Seitz, Berlin: S. 290.
27/05/2012
Am Anfang
Jetzt wissen wir’s: Jedes Gras, jedes Blatt wächst jeden Tag, um nach kaum merklich vergangener kurzer Zeit
weiche Wiesen und Wälder zu bilden. Eben war noch alles Schwarz und Weiß und knospte allenfalls so zaghaft,
dass man meinte, ihm Mut zusprechen zu müssen. Nun ist der Vorsommer ein über das ganze Land ausgebreiteter Teppich.
Alles atmet seine blütenstaubsatte Luft, und jeder noch nicht grüne Fleck wird zum Lande- und Brutplatz weiterer
Samen. Würden rechtschaffene Menschen die Pflanzennatur nicht mit dem Besen wegwischen und der Gartenschere
zurückschneiden und durch Hektoliter von Gift, in kühlen Labors ausgedacht, ertränken, sie würde
in Kürze alles überwachsen haben. Alles menschliche graue Bauwerk wäre bald unter Grün verschwunden,
unter den Teppich gekehrt, Gras darüber gewachsen. Davon lässt der Frühling und besonders der pralle Mai
träumen. Darum ist Grün die Hoffnung. Das Grün der Wiesen und Schlingpflanzen und Algen, das Blau von
Wasser und Himmel, das Schwarz und Weiß von Lava, Schnee oder Wolken – alle sind sie stärker als das
Grau menschengeschaffener Wucherungen. Zuerst stirbt der Mensch, dann sein Betonwerk. Dann gehen die Lichter aus und die
Sterne an. Dann werden Frieden und Gleichmut herrschen, eine Art himmlischer Friede, aber auf Erden und ohne Gott. Vielleicht
stirbt der Menschen aber auch nicht. Gott lebt fort. Und Beton wächst weiter.
13/05/2012, »Die Hoffnung«
In heaven (everything is fine)
Es trägt eine schöne, gute Frau ein weißes Hemd zu schwarzer Hose. Ihr Blick ist immer freundlich,
und vor ihrer Grazie verneige ich mich, bis meine Stirn den Boden berührt. Denn erstens ist es verzeihlich,
sich aus Respekt zur Idiotin zu machen, und zweitens verheilt ein so gebrochener Rücken schnell wieder zusammen.
Vorerst aber liege ich auf ihm. Die Decke, zu der ich hochblicke, ist weiß und voller Löcher,
die Löcher sehen wie schwarze Punkte aus. Dann vergeht Zeit, und es wird Abend.
10/05/2012, aus »Schwarz und Weiß«
Inneres Geschehen (3)
Übrigens bleibt man in diesem Raum nicht lange alleine. Es kommen und es gehen Leute, hinein, hinaus,
in einem fort. Dazwischen singen sie, klimpern mit Münzen oder Schlüsseln, reden schnell und heftig,
schweigen. Warten. Im Schummrigen bleibt auch das »Worauf«. Auf einen Zug, eine Begegnung, das Leben,
den Tod, nichts Bestimmtes. Keiner fragt keinen danach. Fragezeichen sind zu dünn für dieses Licht,
und das ist gut so. Warten braucht keine Frage und keine Erklärung.
06/04/2012, aus »Warten«
Frühling. Erwachen.
Sätze tauen auf, Worte knospen, zarte Staben wachsen aus Buchen.
Jetzt sagen, was winterlang schwieg.
21/03/2012
Inneres Geschehen (2)
Die Erde lockert sich, regt sich, etwas reckt sich darin,
vielleicht ist es ein Engerling. Winzig weiße Blumenglocken klingeln etwas Vages, Unsagbares in die glitzernde Luft.
Mützen lüften sich, Haare glänzen, Münder werden geöffnet wie Schnäbel,
nicht um zu trillern, sondern um zu lächeln, und die Augen blinzeln
oder blicken milde wie der Sonnenschein.
28/02/2012, aus »Aufatmen«
Die Zeit (2)
Sie vergeht so schnell.
Und doch ist immer noch Winter.
15/02/2012
Im Schweizer Zug (2)
Die Räder rollen, rollen. Das Gehäuse ächzt und quietscht. Eine lange Bahn aus Lichtern liegt
über allen Wagendecken, von Türe zu Türe gestreckt. Nachts ist der Zug eine Lichterbahn.
Leichtes Schaukeln, eine feine Vorbereitung auf den Schlaf. Blaues Blinken, während eine Frauenstimme besänftigend,
aber als würde es sie nichts angehen, den nächsten Halt ankündigt: Solothurn. Zwei Kleiderhaken,
zwei Steckdosen für vier Sitze. Mantel oder Strom, das ist eine der Fragen, die sich hier stellen könnten,
doch ohne Kopfzerbrechen zu bereiten. Zugfahren ist etwas Schönes, Leichtes.
09/02/2012
Eisiges Schweigen
Es ist zu kalt zum Sprechen. Die Wörter frieren auf der Zunge an, kaum öffnet man den Mund.
Was hat man überhaupt sagen wollen? Wahrscheinlich nur: Es ist zu kalt –
Es ist sogar zu kalt zum Schweigen.
08/02/2012
Simon Tanner (3)
»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen. Was andern das meiste ist, ist mir das
mindeste. Ich kann das Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag
nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei:
frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene
Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das
Bewußtsein, ein pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke!
Ich bleibe lieber arm aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen Zimmers, wenn es auch
auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen
soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von einem einzigen Menschen geachtet, nämlich
von mir selber, aber das ist einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die
Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige
Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben.
Ich habe zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man
mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte
›Lebensstellung‹ liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das
Abgründige, Schwebende und das Nicht-Kontrollierbare!«
Robert Walser:
Geschwister Tanner, S. 231f.
02/02/2012
Mitten im Winter
Aber am anderen Morgen, wenn sich die Decke etwas gehoben hat – nicht weit, nur bis zur nächsten grauen
Himmelshöhe, doch weit genug, um die Augen an den bewaldeten und bewohnten Hang gegenüber spazieren zu lassen,
dieses wunderbare, bis in unsere Stadt hinunter wachsende und hier fußende Stück Jura – wie schön
ist da die kalte Welt. Die schneebedeckten Dächer, die bestäubten Tannen in ihren Schattentönen,
die zwischen die Häuser gestreuten und aus den Fenstern scheinenden Lichter: Jetzt sieht der Winter lieblich,
fein, zum Gernhaben aus.
30/01/2012, aus »Schnee (II)«
Was aber war das Schweigen?
Ein Schwarm von Schwalben, und die Worte, die Heinrich dazwischen streute, waren nahrhafte,
weiche Krümel aus einem süßen Teig, ohne den die Vogelschar niemals bis in den Süden gekommen wäre.
20/01/2012, aus: »Der Schatz«, für H.R.
Simon Tanner (2)
»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man
keine Gegenwart hat, und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken.«
Robert Walser:
Geschwister Tanner, S. 40.
20/01/2012
Les Misérables (2)
Erdbeere im Januar.
09/01/2012, Biel/Bienne, Bahnhofsplatz
Neujahrswünsche
Während ich bezahle und meine Jacke anziehe, schlurft ein alter Schwarzer in einem langen Rock herein. Er begrüßt
den Gastgeber, der sein Hundchen bereits wieder in die gute Stube zurückgeführt hat. Ein Händedruck, ein breites
Lachen, Neujahrswünsche werden ausgetauscht. »Santé et amour, c’est ça qui compte«,
höre ich den Gast noch sagen, bevor ich die Glastüre leise hinter mir zuziehe.
06/01/2012, aus »Santé et Amour«
Letzter Tag im Jahr
Der Gehsteig ist ein spärlicher Wald aus toten Tannenbäumen. Tauben humpeln zwischen seinen
dürren Stämmen und scheißen eine graugrünweiße Schleimschicht auf die wachsbetropften
Nadelarme. Die Natur und die Stadt, was haben sie einander zu erzählen? Es ist ein stilles, kaltes Nebeneinander.
31/12/2011, aus »Silvester«
Simon Tanner (1)
»Aber Ferien, was ist das! Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts zu tun haben.
Ich hasse die Ferien
geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich,
ja ich würde
sterben, wenn ich Ferien bekäme.«
Robert Walser:
Geschwister Tanner (1907). Frankfurt am Main, 1997: S. 19.
29/12/2011
»… der still durchs All fallende Schnee.«

David Foster Wallace,
Infinite Jest: p. 494.
18/12/2011, der Himmel über Biel/Bienne
Erwachen
»An diesen schlimmsten Morgen mit kalten Fußböden, heißen Fenstern und gnadenlosem Licht
weiß die Seele schon, dass der bevorstehende Tag weniger zu traversieren als gewissermaßen vertikal zu
erklimmen ist und dass das Einschlafen an seinem Ende dann dem erneuten Herabfallen von etwas Hohem und Steilem
gleichkommen wird.«
David Foster Wallace,
Infinite Jest: p.68. Übersetzt von Ulrich Blumenbach,
erschienen bei Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, im Febrar 2011.
05/12/2011
Mitgeschöpf (4)
Sie blickte zu den umliegenden Mauervorsprüngen rauf und runter, sie linste über ihren Fenstersimsrand auf den
Boden hinunter, der drei Stockwerke tiefer lag. Sichtlich sprach die Katzenkopfbewegung die Frage aus: Kann ich irgendwo hoch,
hinüber oder hinunter springen? Sie sah, was auch ich sah: Es gab kein Fortkommen. Vielleicht hätte sie ja auch gar
nicht fortgewollt, doch einerlei: Nicht einmal die Möglichkeit bestand; der Fenstersims, auf dem sie saß, war ihre
äußerste Grenze. Von der dahinter liegenden Wohnung konnte ich nichts erkennen, die Rollladen waren zu drei
Vierteln geschlossen, dicke Vorhänge verhüllten den restlichen Einblickschlitz. Als ich mich fragte, ob die Katze
manchmal daran denkt, sich in die Tiefe zu stürzen, wandte ich mich ab.
14/10/2011, aus »Katze und Hund«
Warten
Alles ruft Sommer. Die Tage, die lang, bis in die Nacht hinein dauern. Das Gras, das sich niemals mehr satter in fleißig
kauende Kuhmäuler streckt. Die Bäume, diese grünen Blumensträuße auf den Tischen aus Beton, die unsere
Straßen und Plätze sind – man möchte sie schütteln. Die Liegewiesen am Seeufer, die Spazierwege
zwischen den Hügeln, die Caféterrassen: Sie warten, mit weit ausgestreckten Armen, auf die Badenden,
die Wandernden,
die Wartenden – worauf warten diese? Natürlich auf ein erfrischendes Getränk, weil die Sonne ihnen die in den
Himmel gehobenen Häupter erhitzt hat … Doch die Sonne wartet selber noch auf ihren Auftritt.
28/07/2011, aus »Sommerpause«
Im Schweizer Zug (1)
Es rattert kaum, das war früher anders. Als die Wagen noch Fenster hatten, die sich öffnen ließen,
als die Bänke noch ohne Zwischenlehnen waren, als es noch Aschenbecher gab und die Menschen rauchten, Bücher lasen
oder – ja, was eigentlich taten? Als sie noch nicht zwei oder drei elektronische Geräte mit sich herumtrugen und
über Kabel, Tasten, Berührungsbildschirme mit der Welt verbunden waren, sondern bloß in ihr lebten, bloß
über ein Wort, einen Blick, einen Händedruck, eine Melodie, einen Kuss einander oder etwas berührten.
01/07/2011, von Zürich nach Biel/Bienne, aus »Unterwegs«
Kreuzfahrt
»Geit’s am Meier Emil«, fragt ein Rentner den anderen, der darauf »Jaa ja« antwortet.
Wer ist Meier Emil? Wieso ist er nicht bei uns auf der Jacht? Hat er besseres zu tun? Der Mountainbiker hat noch eine
Zigarette angezündet und schaut neugierig zu mir herüber. Nun passiert etwas Neues: Ein blaues Puch fährt vor,
darauf – natürlich – ein Rentner, der sich zu uns an Bord gesellt. Altmodisch und unbekümmert steht
das Töffli zwischen zwei Scootern im heute modischen Design, das sportlich anmuten soll. Rot, blau, schwarz,
so stehen die drei Gefährte da.
23/05/2011, Café Bar Capitaine, Karl-Neuhaus-Platz, aus »Jacht im Hafen«
Das gefallene Urteil
Das Urteil wurde lange vorbereitet,
bevor es fiel, zu Boden und auseinander.
Hier nur noch Ur. Dort nur noch Teil.
Und als die beiden schließlich wieder geheilt,
mit einem Bindestrich verbunden waren,
hinkte es hernach noch lange herum,
das Ur-Teil.
08/02/2011, in memoriam E.J.
Wandlung
hartnäckig
zartnäckig
zartneckig
zartnelkig
zartkelchig
zartmilchig
warmmilchig
warmmilzig
warmpelzig
warmherzig
27/01/2011
Grauen
Anstelle heller Luft
weben Schleierschwaden
dumpfen Dunst vor die Sonne.
Dahinter fliegen unsichtbar
die Schwalben
davon.
15/10/2010
Aeiou
Alltagskram
Essensreste
Infinitiv
Ozonloch
Unmutsgrund*
* Du Unlusthund!
Unschuldskuh, du!
Unmutsbrut und Unruhschuh!
Umbuchung! Umzug!
Und nun?
14/10/2010
Reden lernen
»Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man mußte nachlaufen,
und hatte man es endlich erwischt,
so war es eigentlich gar nichts und machte einen traurig.«
Jakob Wassermann,
Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens: S. 37. Erstmals erschienen 1908,
neu aufgelegt im dtv 1978/83.
10/10/2010
Les Misérables (1)
Am Strassenrand gefunden. Vor dem Altersheim.
September 2010, Biel/Bienne
Kotziproxi, Hoplapipin und Jammerhammer

»[...]
Primperan, Ranisifar, Diclofenac, i weis nid, weli Wortlabor settigi Bezeichnige entwickle - froge Si mi
s nöchstmol, und i würd Ihne ganz anderi Näme sueche. Wie merkt me, das Loperamid oder
Zorotop gäg Magebeschwärde si – "Kotziproxi" würd do e dütlecheri Sproch rede. Was het Pradif mit
Prostata z tue, bi "Hoplapipin" wüsst me sofort, was gmeint isch, und wie merkt me sech,
dass "Citalopram" es Antidepressivum isch? Hingäge nach em "Jammerhammer" müesst me nur einisch froge.
[...]«
29/09/2010 gefunden auf der Website von Franz Hohler
Mitgeschöpf (3)
Sommer, blutrot.
Die Fruchtfliegen jagen
um den Wein wie Haie.
19/08/2010
Mitgeschöpf (2)
»Sepien sind Meister der Kommunikation.«
12/08/2010, aus einem Tiefseedoku
Mitgeschöpf (1)
schwa|nen ‹sw. V.; hat› [mniederd., wohl Scherzübersetzung von lat.
olet mihi =
»ich rieche«, bei der lat.
olere = riechen mit lat.
olor = Schwan verknüpft wird]
(ugs.): von jmdm.
[als etw. Unangenehmes] [voraus]geahnt werden: ihm schwante nichts Gutes.
26/06/2010, Ankerklause Berlin. Worterläuterung aus DUDEN.
Wünsche für einen worttuendenden Tag
Wortbefinden
Wortgefühl
Wortbehagen
Wortergehen
Wortigkeit
...
20/06/2010
5-7-5-Versuch (3)
Am Hügel ein Schaf
Vielleicht auch ein weißer Stein
Es bewegt sich nicht
27/05/2010
Schwarzer Schlaf
»Warum haben Katzen schwarzen Schlaf in den Augen? Egal bei welcher Katzenrasse, Geschlecht usw.,
der Schlaf ist immer schwarz. Weiß jemand warum? Vielen Dank im Vorraus«
02/05/2010, 12:08 Uhr, Netzfund auf gutefrage.net, Verfasser/in: LolaGT
So kann man es auch sehen.
»Mein Sohn ist hellsichtig«, sagte ein Vater. Ein anderer: »Débile
comme t'es...« zu seinem Sohn (im Zug von Lausanne nach Biel/Bienne).
16/04/2010
5-7-5-Versuch (2)
Möwenschrei verklingt
Der Berg wirft seine Farbe
In den stillen See
15/04/2010
5-7-5-Versuch (1)
Schatten am Bachrand
Da schau – ein feines Gleißen
Von Sonnentropfen
13/04/2010
Flaschenpost im Wörtermeer
In ihrer Höhle ist es schummrig. Und wie Holz schwimmen Bücher um sie herum.
Sie greift nach diesem, nach jenem; so geht sie nicht unter.
03/04/2010
Zahn der Zeit
Sie und er. Eine Geschichte von Liebe und Hass. Seit Tagen nagt er nun schon an ihr. Manchmal beißt
er langsam, sanft beinahe, ein Stückchen von ihr ab. Dann wieder entreißt er ihr
gefräßig ganze Glieder. Ich höre sie stöhnen, ächzen, bersten,
zerstäuben, untergehen. Bald wird alles von ihr verschwunden sein, wie ausgelöscht.
30/03/2010, Pianofabrik, Biel/Bienne.
Nachtkuss
»Nachtkuss«, sagte sie in das Dunkel hinein. Der Nachhall der beiden Silben hing im sonst stillen Raum.
Ich sagte nichts. Es war keine Antwort erforderlich, keine Frage war gestellt worden.
26/03/2010
Vielleicht
Am Rand des Teichs. Vielleicht springe ich –
28/02/2010